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Fischerdorf Vitt

Vor ein paar Jahren trafen wir uns mit einem befreundeten Paar, um auf Rügen ein Konzert von Santiano zu besuchen. Wir mieteten uns ein gemütliches Ferienhaus und erkundeten auch die Insel, da wir diese alle noch nicht kannten.

Da ein großer Wunsch von mir, fuhren wir zur nördlichsten Stelle von Rügen, um das Kap Arkona zu besuchen. Der Tag erfreute uns mit wunderschönem Spätsommerwetter, als wir am Parkplatz in die bereitstehende Kap Arkona Bahn stiegen, um uns ganz gemütlich fahren zu lassen.

Am Kap angekommen machten wir, was alle Touris dort so erledigten: spazieren gehen, Leuchttürme bewundern und dann nach einem kurzen Spaziergang durch den Wald die freie Sicht über die Ostsee genießen. Schon ein phantastischer Anblick!

Obwohl so nah, war die See für meinen Geschmack aber viel zu weit weg. Ja, es gab die Möglichkeit, dort herunter- und wieder heraufzuklettern, doch so Rechte Lust hatte dazu niemand von uns. Also warf ich der Ostsee noch ein paar sehnsüchtige Blicke zu und unser Spaziergang führte uns wieder zurück.

Diesmal kehrten wir aber noch in das Bunkermuseum ein und ließen uns, während wir uns durch unendliche, unterirdische Gänge fast verirrten, von den Erzählungen unseres Gastgebers in ferne Zeiten versetzen. Schon eine sehr interessante Geschichte, die hier an der Küste gelebt wurde und wird.

Eine Stärkung in Form von Mittagessen musste auch noch sein und dann sollte es eigentlich mit der Bahn wieder Richtung Parkplatz gehen.

Eigentlich…

Allerdings hatte ich gesehen, dass es auf der Rücktour eine Haltestelle „Fischerdorf Vitt“ gibt und ich konnte meine Gefährten überzeugen, dort noch „kurz“ auszusteigen und eine Runde zu drehen.

Was genau geschehen ist, als meine Füße den sandigen Weg zum Dorf betraten, kann ich noch immer nicht nachvollziehen und richtig beschreiben. Etwas zog an mir und schien mich zu rufen, zu locken, sich zu freuen, mich in der Nähe zu haben.

Doch ganz so schnell, wie ich plötzlich sein wollte, konnte ich dann doch nicht sein. Schließlich war ich nicht alleine unterwegs und meine Begleiter waren sehr gemächlich unterwegs und erkundeten erst einmal die einsam stehende Kapelle am Wegesrand. Niemand konnte erahnen, was sich in meinem Inneren abspielte und da ich selbst keine Worte dafür fand, spielte ich so gut wie möglich mit. Hier und da ein paar Fotos und dann doch sachte drängelnd, dass wir endlich dem Weg in das Dorf folgen sollten.

Endlich war die Besichtigung zu Ende und wir näherten uns dem Fischerdorf. Da der Weg ein weinig steil abfällt, sahen wir zuerst nur ein paar Reetdächer, bevor sich nach und nach die dazugehörigen Häuser unseren Blicken offenbarten. Ich bin ein Stadtkind. Durch und durch. Hätte ich bis zu diesem Moment behauptet. Denn dieser Anblick schnürte mir den Atem ab und ich kämpfte mit Tränen der Freude. Was war nur los mit mir?

Wir spazierten zum Strand, genossen endlich das Meer ganz nah und ich versuchte mit der Kamera so viele Eindrücke wie möglich einzufangen. Gefühle gibts leider nicht to go. Aber selbst jetzt, während ich mich daran zurück erinnere, kribbelt es verdächtig in meinem Bauch und ich höre das Rauschen der Wellen. Tief in meinem Inneren.

Ein wenig oberhalb gibt es ein kleines Cafe mit einer Terrasse, von der es den wundervollsten Blick überhaupt gibt! Mittlerweile zog ein kühler Wind vom Meer heran und meine Begleiter waren nicht so begeistert wie ich. Allerdings bemerkte ich das nicht wirklich. Ich wollte nur noch eine schöne Tasse Kaffee, meine Augen schließen und dem Meer lauschen. Egal, wie kalt oder windig es geworden war.

Ein bisschen Zeit bekam ich für diesen Luxus. Doch leider wurde ich dann doch wegen dem Wetter überstimmt und ich musste mich verabschieden. Schade, wirklich, sehr, sehr schade!

Keine Ahnung, was dieser Ort in mir ausgelöst hat. Vielleicht hab ich hier in einem früheren Leben ja gelebt? Als Fischersfrau? Oder als Fischer? Oder als Fisch? Keinen Plan. Erinnerungen kamen nicht in mir auf. Nur so ein absolutes „Ich bin daheim-Gefühl!“. Vergleichen kann ich das nur mit der Vorfreude, die ich verspüre, wenn ich Richtung Venedig über die große Brücke fahre. Dann ist das ganz ähnlich.

Seit diesem Besuch ist der Blick auf die blaue Bank am steinigen Strand und dem Kap Arkona weit im Hintergrund mein absolutes Ruhebild. Dieses rufe ich mir aus meiner Erinnerung hervor, wenn mein Innerstes einfach zu durcheinander ist und ich nicht weiß, wo oben und unten ist. Dann schafft es diese Bank, mich wieder zurück ins Hier und Jetzt zu holen. Auch, wenn sie nur in meinem Kopf ist.

Faszinierend ist in diesem Zusammenhang, dass ich nach unserem Besuch erfahren haben, dass ich in der Nähe gezeugt wurde. Ihr wißt schon: das ist der Part vor der Geburt, von dem man denkt, dass die eigenen Eltern dies ja nie tun würden. Kann es das geben? Oder war es einfach nur ein wunderschöner, entspannter Tag und ich war insgesamt sehr glücklich?

Ich war mir selbst lange nicht sicher und so trugen mich meine Gedanken immer wieder nach Vitt. Es wuchs eine Sehnsucht in mir, die immer schwerer zu ertragen wurde und zum Glück fand ich vor Kurzem die richtigen Worte und René düste direkt bei der nächsten Gelegenheit mit mir nach Rügen.

Bei diesem Besuch war uns das Kap Arkona egal und wir fuhren direkt zum Fischerdorf. Es war wieder kühl, doch die Sonne begleitete uns und wärmte uns unsere Nasen.

Diesmal nahm ich mir, trotz steigender Aufregung, die Zeit, einen längeren Blick in die kleine Kapelle zu werfen. Schließlich hatte ich vorab ein bisschen darüber gelesen und dieses Wissen hauchte ihr wieder Leben ein. Zumindest in meinen Gedanken konnte ich die Fischer dort der Andacht lauschen hören und sah, dass der Geistliche sich freute, dass auch diese nun der göttlichen Führung folgen konnten. Ohne die Kapelle war es zum sonntäglichen Gebet eher still, da die Fischer lieber bei ihren Booten geblieben sind.

Auch den Weg ins Dorf hinunter konnte ich mehr genießen und schaute mir die Häuser nun genauer an. Selbst ein Abstecher einige (viele) Stufen hinauf zu einem kleinen Aussichtspunkt nahmen wir in Angriff. Bloß blöd, dass da gar kein Aussichtspunkt war. Sondern einfach nur Stufe um Stufe um Stufe. Gefühlt nahm diese Treppe keine Ende und belohnte mich auch nicht mit dem erhofften, ganz besonderen Blick auf Vitt. Ich hatte doch glatt den Wanderweg vom Kap nach Vitt erwischt. Nur leider „falsch“ herum. Statt bergab, lief ich bergauf. Ein Stück zumindest. Als ich kein Ende erkennen konnte, drehte ich lieber um und erspähte zum Glück meinen Schatz der an der Stelle auf mich wartete, von der ich zu meinem Spaziergang aufgebrochen war.

Wir waren fast alleine unterwegs und es war herrlich!

Meine Aufregung und Vorfreude hatte sich gelegt und war einer tiefen Entspannung gewichen. Nun fehlten nur noch wenige Schritte und wir würden die Ostsee sehen. Riechen und schmecken konnten wir sie schon. Was für ein toller Ort!

Eine letzte Biegung und mein Blick erfasste das erste Wasser. Ein Fischerboot lag am Strand. Sicher war es am frühen Morgen schon unterwegs und durfte sich nun eine Pause gönnen. Wellen brachen sich an kleinen und großen Felsen. Begleitet von einem Rauschen, dass mein Herz mit Freude erfüllte. Manchmal braucht es nur so wenig.

Wir liefen ein Stück nach links zum Strand und gingen noch ein wenig spazieren, bevor wir uns setzten und den Anblick genossen. René war dabei sehr darauf bedacht, wie es mir geht und ob ich genug Eindrücke einsaugen konnte. Ich würde sagen: ja. Aber wie lange diese vorhalten? Das weiß ich noch nicht.

Sehr schade, dass dieser Ort für einen Tagesausflug zu weit weg ist. Sonst wäre ich dort sicher Dauergast. Aber sicher verschlägt es uns demnächst noch einmal nach Rügen. Und „vielleicht“ sind wir dann wieder direkt dort: im Fischerdorf Vitt.

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